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Ausstellungen : Archiv : 13 x 13. Die Welt im Quadrat - Niederländische Fliesen aus zwei rheinischen Privatsammlungen

 

Geschichte der Fliesenkeramik

Menstegel

Keramische Baustoffe gehören seit rund 5000 Jahren zur Kulturgeschichte, die ältesten Fliesen sind bei den altorientalischen Hochkulturen im Niltal und in Mesopotamien nachweisbar. Schon 2000 v. Chr. schmückte man im Orient die Häuser aus luftgetrockneten oder gebrannten Ziegeln mit Bodenbelägen aus Ziegelfliesen.

Die Entwicklung keramischer Bodenbeläge in Europa ist in engem Zusammenhang mit den Kreuzzügen zu sehen, in Folge der maurischen Belagerung entwickelte sich durch die engen Beziehungen der Mauren und Christen in Spanien der so genannte Mudéjar-Stil. Dieser verbindet Elemente der islamischen Kultur und der europäischen Gotik und Renaissance. In der Fliesenherstellung entstanden eigene Typen - Alicatados und Azulejos.

Dem Zeitgeschmack folgend, nahmen die spanischen Töpfer vermehrt Renaissancemotive auf, die auf die italienische Renaissancekunst zurückgingen. In Italien kam die Fayenceherstellung über Mallorca, erst über Exporte, dann durch spanische Keramikmeister, die in Genua und Pisa Werkstätten gründeten. In Italien erfolgte die Fliesenproduktion nicht in dem Umfang, wie es in Spanien der Fall war, aber sie erreichte einen neuen künstlerischen Höhepunkt. Die Bemalung auf glatter Zinnglasur alla italiana wurde durch die Reduzierung des Bleigehaltes in den Glasuren und die Beisetzung zinnhaltiger Lösungsmittel in den Malsubstanzen verbessert.

Der Zeitgeist der Renaissance führte zu Darstellungen aus der griechischen Mythologie und humanistischen Symbolen, wie Hund, Einhorn und Gazelle. Ferner erschienen nach graphischen Vorlagen Porträts, Grotesken und Vollfiguren als Motive auf den Fliesen. Anfang des 16. Jahrhunderts, nach der Eroberung durch die Spanier 1506, erlebte Antwerpen den Höhepunkt seiner Entwicklung. Zu den bekannten südeuropäischen Motiven auf Fliesen kamen flämische Darstellungen nach Stichvorlagen. Durch die Herrschaft des katholischen Spaniens über Antwerpen war es für viele protestantische Handwerker schwierig, ihre Arbeit auszuführen. Mitte des 16. Jahrhunderts wanderten viele von ihnen in die nördlichen Provinzen aus, eine Tendenz, die sich während der Freiheitskämpfe Ende des 16. Jahrhunderts noch verstärkte.

In den Niederlanden wurde die Wandfliese im 16. Jahrhunderts zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor und Inbegriff nationaler Identität. In Middelburg erfolgte 1564 die erste Werkstattbegründung, weitere gab es in Rotterdam, Delft, Utrecht und Harlingen. Auch aus Gouda, Haarlem, Leiden, Hoorn, Dordrecht und Leeuwarden sind frühe Gründungen von Fayence- und Fliesenmanufakturen bekannt. Um 1660 wurde die Produktion in Makkum aufgenommen.
Die Niederlande erlebten im 17. Jahrhundert eine wirtschaftliche und künstlerische Blüte, so dass man vom „Goldenen Zeitalter“ spricht. Zunächst kamen Handelsherren und Beamte, also das Bürgertum, zu großem Wohlstand. Die Vereinigung aller Provinzen und die geografische Lage machten die Niederlande zu einer unabhängigen Seemacht, die mit der Gründung der V.O.C. 1602 den Handelsraum beherrschte.
Die Dekoration von Innenräumen mit Fayencefliesen wurde so populär, dass Fliesen von allen Bevölkerungsschichten nachgefragt wurden und vor allem im nördlichen Europa nachhaltig die Wohnkultur beeinflussten. Durch den Wohlstand wuchsen die Städte, das Bürgertum unterhielt Stadtwohnungen und Landsitze, die verschwenderisch mit Fliesen ausgestattet wurden. Im 18. Jahrhundert ging die Handelsvormacht der Niederländer an England verloren. Durch wirtschaftlichen und intensiven Anbau erlebte die Landwirtschaft einen großen Aufschwung, so dass auch das Landvolk zu Wohlstand kam, was sich auch in seiner Wohnkultur niederschlug.

Herstellung von Fliesen:

Bei der Fliesenkeramik, die unter spanisch-maurischem Einfluss seit Beginn des 16. Jahrhunderts in Europa auftritt, handelt es sich meist um Fliesen aus Fayence. Für diese zinnglasierte Irdenware verwendete man einen gut gereinigten Ton, der nach der Trocknung bei etwa 900/1000°C im reinen Tonbrand gar gebrannt wurde. Für diesen Brand waren verschiedene Holzarten erforderlich, die Brenndauer betrug mehrere Tage. Zunächst wurde der Ton mit Hilfe eines Rahmens auf die quadratische Form von etwa 14 x 14 cm gebracht, so dass nach dem Brandschwund zumeist eine Fliese mit den Maßen 13 x 13 cm entstand. Um die Fliesen zum Trocknen von der Unterlage abheben zu können, wurde diese vorher mit Sand bestreut. Dann wurden die getrockneten Platten durch weitere Verdichtung und Formung mittels einer Walze geebnet und endgültig zugeschnitten. Auf die Fliese wurde das Abschneidebrett gedrückt und endlang dessen vier Seiten mit dem Messer zugeschnitten. Um ein Verrutschen des Schneidbrettchens zu verhindern, war es mit Messingnägeln an den Ecken versehen. Diese Löcher sind zumeist sichtbar, auch wenn später Glasur in sie lief. Die getrockneten Fliesen waren dann für den Tonbrand bereit. Anschließend konnten die vorgebrannten Fliesen glasiert und bemalt werden.

Durch eine weiße Zinnglasur (nl. wit) erhielt die Fliese eine neutrale Glasur, die anschließend bemalt werden konnte. Die Zinnglasur stellte man aus zwei bis drei Teilen Blei und einem Teil Zinn, der so genannten Zinnasche, her. Dieses Oxydgemisch wurde zerkleinert und mit einer Verbindung aus Kieselerde und Alkalien vermengt. Aus dem Gemisch erstellte man einen Glasurkuchen, der wiederum zerkleinert wurde.Unter Zugabe von Flusswasser zerkleinerte man weiter bis ein Glasurbrei entstand. Diesen Zinnglasurbrei trug man dann auf das angefeuchtete Flachziegelchen auf. Der Grundierung wurden trotz Anfeuchtung schnell 70-80% Wasser auf dem porösen Tonziegel entzogen, so dass auch die Malfarbe aufgesogen wurde. Eine geschickte, gleichmäßige, aber auch zügige Bemalung mit einem steifen Pinsel aus Kuhohrhaaren war erforderlich, denn Korrekturen waren kaum möglich. Aus diesem Grund waren Freihandzeichnungen relativ selten, die Fliesenmaler benutzen zumeist Lochmatrizen, so genannte Sponsen.

Die Vorzeichnung auf dickerem Papier wurde durchstochen und mit Holzkohlestaub auf die Fliese durchgestaubt. Danach zeichnete der Maler die Linien mit blauer oder violetter Glasurfarbe nach. Nach der Bemalung erfolgte noch der Überzug mit einer transparenten Bleiglasur, um die Farben einerseits zu schützen und andererseits brillanter erscheinen zu lassen. Bei dem anschließenden Glasurbrand bei etwa 800o C verbanden sich die einzelnen Schichten der Fliese, also die Zinnglasur mit dem gebrannten Ton, die Farbglasuren mit der Zinnglasur und die Bleiglasur mit dem darunter liegenden Glasurbild. Bei der Massenproduktion, die zur Mitte des 17. Jahrhunderts einsetzte, versuchte man die Stückkosten durch möglichst große Ofenbeschickungen und kleinsten Ausschuss gering zu halten. Oft wurden gleichzeitig bis zu 60.000 Stück rohe und glasierte Fliesen gebrannt. Dabei nutze man die unterschiedlichen Temperaturerfordernisse – für den Tonbrand benötigte man etwa 1000°C, für den Glasurbrand rund 800°C – durch die richtige Platzierung der Fliesen in den unterschiedlichen Temperaturzonen des Ofens. Dennoch kam es häufig zu Fehlbränden, wie Risse oder Craquelés, Blasen, Glasurabplatzungen und unerwünschte Farbwirkungen durch Überhitzung und fehlerhafte Glasurzubereitung.

Belinda Petri

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